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Notizen aus der Frühgeschichte unserer Schule

Zu den Veränderungen der sechziger Jahre in Deutschland gehörte auch eine Neubewertung von Bildung und Erziehung. Auch wer nicht hoffte (oder fürchtete), die Gesellschaft werde vom Bildungswesen her grundstürzend verändert, konnte sich der Forderung "Bildung für alle!" nicht entziehen. Eine der Folgen war eine Gründungswelle von Gymnasien im Kölner Umland - unabhängig von den Rathausmehrheiten. Die Akzeptanz in der Öffentlichkeit konnte nicht besser sein: War der Mensch nicht weiterhin das Ergebnis seiner "Sozialisation" brauchte das Wirtschaftswunder nicht eine Vervielfachung der Abiturientenzahlen? Wollte nicht jeder, dass es seinen Kindern einmal besser gehen sollte? Konnte das Geld besser angelegt sein als in den Fortschritt? So tat sich auch für die damalige aufstrebende Gemeinde Wesseling. die ihre junge Realschule bereits Albert Einstein gewidmet hatte, eine Bedarfsnische zwischen Vereins- und Sportleben auf: Zwischen Hersel, Rodenkirchen und Brühl fehlte ein Gymnasium.
Die Gründung datiert auf den 1. August 1969; die endgültige Unterbringung im Schulzentrum war erst 1972 möglich: Wohin also mit dem bildungswilligen Nachwuchs? Auch hierfür fanden sich Nischen: Im ersten Jahr waren wir Gast im Backsteinbau der damaligen Lessing-Grundschule, einem (festen) Nebengebäude und einer (nicht so festen) Baracke, die "Pavillon" genannt werden sollte - zwischen Feuerwehr und Polizei. Ein öffentlicher Weg kreuzte den Pausenbereich der Kinder. Die Sportanlagen im Kronenbusch waren durch eine Wanderung quer durch die Stadt in einer Viertelstunde zu erreichen. Immerhin empfanden wir keinen Mangel an der notwendigen Ausstattung: Seufzer des Rektors der gastgebenden Grundschule bei einem Kaffeebesuch angesichts unseres Kaffeegeschirrs (Hutschenreuther-Imitat): "Darum bemühen wir uns schon seit Jahren" (Anmerkung: Wir hatten schon einen Metro-Schein!)

Im zweiten und dritten Jahr waren wir dann im Kronenbusch im Pavillon an der Jahnstraße. Jetzt war der Weg zum Sport kurz, doch der Weg zum allmittwöchentlichen Schulgottesdienst war eine Viertelstunde lang. Aber insgesamt war's ein Sprung in die richtige Richtung: Wir waren nun im "eigenen Haus" zwischen Baum und Strauch und Fußballplatz. Es war ein rechtes Daheim, mit fürsorglicher Hausmeisterin, mit Grün vor den Fenstern und mit Vorhängen, mit Auslauf in den Pausen (erlaubt: Fußballplatz nebenan, nicht erlaubt: das Wäldchen jenseits der Straße) - und mit einer hohen Sozialkontrolle, besonders bei Lärm.

Vielleicht erfundener, aber realistischer Dialog: Schulleiter: "Wer tobt denn da wieder herum?" - Sekretärin: "Das ist wieder die Klasse von Herrn NN!" - Schulleiter: "Dann sehen Sie doch bitte mal wieder nach, Frau ... ! Sekretärin: "..!!!.." Ende des Dialogs. Nicht nur die Gebäude hatten in diesen Jahren den Charme des Unfertigen. Der Altersdurchschnitt der Lehrerinnen und Lehrer lag bei ca. 33 - 35 Jahren, oder anders: Damals war unser ältester Kollege jünger als heute unser jüngster - Die Gefahr allzu großer Professionalität und Routine bestand also durchaus nicht. Und wir wollten alles ja auch ganz neu, ganz anders, ganz kreativ machen...

Allein schon die Personalsituation lieferte Ansatzpunkte hierfür. Die Schule mit 117 Schülerinnen und Schülern begann mit einem Schulleiter, drei Lehrkräften mit ganzer Stelle und zwei Lehrkräften mit sechs Unterrichtsstunden. Die drei "Hauptamtlichen" vertraten die Fächer Deutsch (zweifach), Englisch, Französisch, Religionslehre, Geschichte, hiervon wurden Französisch und Geschichte nicht gebraucht, hingegen wurden gebraucht: Mathematik, Erdkunde, Biologie. Drei der sechs Lehrkräfte waren Berufsanfänger. Folgen aus all dem: große Klassen, reichlich Überstunden und vor allem fachfremder Unterricht.

Im Spagat zwischen Ideal und Notwendigkeit kam es zu mancherlei "fortschrittlichen" Kreationen. Zum Beispiel Biologe fachfremd.

Statt einer nachträglichen Bewertung dieser Versuche der frühen Jahre sei hier nur die Bemerkung eines Schülervaters in einer Klassenversammlung zitiert: "Wir verstehen ja die Situation, Herr NN, und das Bauen von Gipsmodellen für den Erdkundeunterricht ist sicher sinnvoll, aber verstehen Sie bitte auch, daß wir nach Monaten nun auch wieder gerne den Gips aus unserem Keller wegkriegen möchten!" Diese Episode darf man als exemplarisch dafür verstehen, wie die polare Spannung zwischen pädagogischen Prinzipien und Wesselinger Realität sich "aufhob" in einem Zusammenhalt aller Beteiligten (auch der Schüler!), der aus Solidarität und Pionierehrgeiz gleichermaßen gemischt war. Das begann bei den endlosen Pausen- und Konferenzdiskussionen im engen Lehrerzimmer über alles und jedes (schon damals gab es Beschlüsse darüber, in welchen Pausen welche Schüler sich wo unter Einhaltung welchen Lärmpegels aufhalten durften!). Es ging weiter mit frühen Versuchen von "Schülermitverwaltung" (Diskussion der Beteiligten über Sanktionen bei Disziplin- Dingen, Zeugnisse der Schüler für ihre Lehrer?) und Schülerzeitung (nach wochenlanger plebiszitärer Namensuche: "Magnet"). Es umfasste die Essensausgabe durch die Hausmeisterin, den Schreibmaschinenunterricht durch die Frau eines Lehrers, den Förderunterricht in Rechtschreibung durch einen befreundeten Kollegen von außerhalb, die Einrichtung eines Silentiums. Mit gutem Willen mag man auch die Geschenkangebote von Eltern hierzu rechnen: elektrische Eisenbahn für die Pausen-, ein Körbchen Erdbeeren für die Kleinen zu Hause, Pkw-Fahrten bei Klassenausflügen... Nicht zu vergessen der erste Landschulheim-Aufenthalt mit einem Jahrgang 7 in der Jugendburg Dattenberg.

Schließlich wagten wir uns gar in Bereiche pädagogischer Schulversuche vor. Freier Samstag, Ganztagsbetrieb mit Mittagessen, klassenübergreifende Leistungsdifferenzierung in Mathematik und Englisch (zusätzlicher Zeitaufwand der beteiligten Lehrer: ca. 50 % über der Normalbelastung)...

Und - wenn sich die Erinnerung nicht irrt - Unterricht fiel höchstens mal aus, wenn der Renault 4 eines Lehrers im Winter nicht ansprang oder wenn sich der Schulleiter beim Schulfußballturnier den Fuß gebrochen hatte...

25 Jahre sind noch keine historische Distanz, sie reichen aber aus zur Legendenbildung und verlocken dazu. Die aber tut gewiß nicht Not. Brechen wir also hier diese Skizzen ab! Vielleicht geben sie denen Erinnerungsimpulse, die dabei waren - wie ich - und die diese Zeit nicht missen möchten - wie ich.

Dr. Hans Paul Müller, StD (1994)


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